Die Craniosacrale Körpertherapie
von Prakash Frank Sanzenbacher
Meine Geburt verlief recht dramatisch. Ich entschied mich, den Mutterbauch zu verlassen als sich eine dunkle, unbestimmte Bedrohung
über mich legte und mir den Atem stahl. Dieser Ort war nicht mehr länger sicher für mich. Zuerst versuchte ich noch, der Gefahr zu
entgehen indem ich mich klein machte, ruhig stellte, meine Physiologie auf ein Minimum reduzierte - vielleicht würde ich ja übersehen
werden.
Doch das Leben übersieht niemanden und irgendwann begegnete ich meiner drückenden Angst mit einem verzweifelten Aufbäumen,
einem wütenden Ausagieren und wand mich schließlich durch den engen Kanal in das rettende Draußen. Vier Geburtshelfer waren nötig
um mich herauszubringen in das friedliche Licht der Vormittagssonne. Dort lag ich nun, abgeschafft aber erleichtert und stolz. Ich
lächelte beglückt. Wenn mich meine Mutter so sehen könnte ...
Ich war sechsundzwanzig als ich dieses Erlebnis hatte und absolvierte gerade eine Ausbildung in Craniosacraler Körpertherapie. Auf
dem Lehrplan heute war "Multiple Hands-On Session" gestanden, was bedeutete, daß vier Mitstudierende gleichzeitig an mir arbeiteten.
Für den Verstand ist es völlig unmöglich, alle acht Hände im Auge zu behalten und zu kontrollieren, was da getan wird. Eine gute
Voraussetzung für tieferliegende Körperintelligenzen, die Führung zu übernehmen und verborgene Restriktionsmuster auf den
(Behandlungs-)Tisch zu bringen.
Der Praxisalltag mit Einzelsitzungen verläuft in den allermeisten Fällen weit unspektakulärer. Die Craniosacrale Körpertherapie ist eine
manuelle Behandlungsmethode, die mit äußerst sachten Mobilisationen an Gelenken, Bindegewebe und Nervensystem deren
Funktionen optimiert. Dabei wird nicht direktiv vorgegangen, d.h. der Körper wird nicht von außen her manipuliert. Die Craniosacrale
Körpertherapie (kurz: Cranio) geht davon aus, daß unser Organsismus eine Intelligenz besitzt, ein Zellgedächtnis, das nicht nur
Informationen über störende Einflüsse speichert, sondern oftmals auch einen eigenen Lösungsplan dafür bereit hält. In einer solchen
Behandlung geht es darum, diesen Vorgaben zu lauschen und die entsprechenden intrinsischen Selbstregulationen zu bahnen und zu
unterstützen.
Cranio ermöglicht es, den Menschen buchstäblich in seinen innersten Schichten tief zu berühren, sowohl anatomisch als auch
emotional und schaut da hin, wo sich etwas zeigen mag. Dies kann genauso gut das Lösen einer Halswirbelblockade sein oder, wie in
meinem Beispiel, das Bewußtwerden eines gespeichertes Verhaltensmusters.
Wie aber kann ein Vorgehen, das derart subtil arbeitet, dessen Credo es ist, nicht mehr als fünf Gramm Druck auszuüben, selbst
hartnäckigste Restriktionen im Tiefengewebe lösen? Warum ist es so effizient, den Körper lediglich darin zu unterstützen, was schon
von vornherein in ihm angelegt ist? Ein Blick in unsere Anatomie kann hier erste Aufschlüsse geben.
Das Craniosacrale System
Neben dem Herzschlag und der Atmung verfügt unser Körper noch über eine weitere pulsatorische Vitalfunktion: die Bewegungen im
Craniosacralen System. Dieses besteht im Wesentlichen aus dem Schädel (=Cranium), der Wirbelsäule und dem Kreuzbein (=Sakrum)
und beinhaltet einen bindegewebigen Membransack (=Dura Mater). Diese Dura ist als innere Knochenhaut fest mit dem Schädel
verwachsen, hat Anhaftungsstellen in den Bereichen des zweiten Hals- und des zweiten Sakralwirbels, hängt aber ansonsten als loser
Schlauch im Spinalkanal der Wirbelsäule. In ihrem Inneren wiederum befindet sich, eingebettet in einer schützenden und nährenden
Flüssigkeit (=Liquor Cerebrospinalis), unser Zentrales Nervensystem (Gehirn und Rückenmark). Der Liquor wird von bestimmten
Zellkomplexen im Gehirn ständig neu gebildet. Über die große Gehirnvene und an den Austrittsstellen der Spinalnerven aus der
Wirbelsäule wird er schließlich dem Blut- und Lymphkreislauf zugeführt.
Durch die sich abwechselnden Produktions- und Resorbtionsphasen kommt es im Craniosacralem System zu periodischen
Druckschwankungen von 6 -12 Zyklen pro Minute. Diese Pulsation wird über Bindegewebsstrukturen (Faszien) und die Zwischenzell-
flüssigkeit unseres Körpers (Interstitium) in den Organismus weitergeleitet, wo sie als feine, spezifische Bewegungen im gesamten
Körper spürbar ist. In unserem Organismus dient das Bindegewebe als Informationsspeicher, Flüssigkeit bindet Energie. Es sind also
das Körpergedächtnis und der Energiehaushalt, die dem Cranio-Puls als Medium dienen. Während der Produktionphase (Druckanstieg)
dehnt sich der Schädel etwas aus, das Kreuzbein schiebt sich fußwärts und in Armen und Beinen kommt es zu einer Rotation nach
außen. Während der Resorbtionphase (Druckabfall) verhält es sich entsprechend umgekehrt. Natürlich sind die genauen
Bewegungsabläufe weitaus differenzierter, so hat z.B. jeder einzelne Schädelknochen sein ganz bestimmtes Bewegungsverhalten bzgl.
Kräftevektoren und Rotationsachsen
Ist der Craniosacrale Rhythmus in seiner Ausgewogenheit beeinträchtigt, kann sich das sowohl auswirken auf Konstitution,
Befindlichkeit, Wahrnehmungsvermögen und (emotionale) Verhaltensweisen. Mit sanften Gewebsmobilisationen wie Zug, Druck und
dem Folgen kö;rpereigener Spontanbewegungen an den entsprechenden Bereichen kann der Behandler dem Cranoisacralen System
wieder zu einer freien Pulsation verhelfen. Dies ist eine wichtige Basis für die Regenerationsfähigkeit und Selbstheilungskraft unsreres
Körpers. Und genauso mannigfaltig wie die Autoregulations-mechanismen unseres Organismus sind auch die Einsatzgebiete der
Craniosacralen Körpertherapie. Probleme im Bewegungs- und Stützapparat, Nervenirritationen und vegetative Dysfunktionen können
ebenso angegangen werden wie Migräne, Schwindel, Tinnitus oder System-Erkrankungen wie Asthma, Fibromyalgie und Multiple
Sklerose. Weitere dankbare Gebiete sind Psychosomatik, Angstsymptomatiken, Burn-Out-Syndrom, Immunstärkung,
Schwangerschafts- und Sterbebegleitung, Vermittlung von Körpergefühl, mentale Klarheit und spirituelle Reifung.
Geschichtliches
Als geistiger Vater der Craniosacrale Therapien gilt der Osteopath William Garner Sutherland. In den zwanziger Jahren des letzten
Jahrhunderts began er sich dafür zu interessieren, warum auch noch bei erwachsenen Menschen die Schädelnähte so deutlich
vorhanden sind. Entgegen der damaligen Lehrmeinung, im Erwachsenenalter wärden diese Nähte miteinander verschmelzen und somit
einen einheitlichen Knochen bilden, vermutete Sutherland, daß im lebendigen Organismus durchaus noch eine Flexibilität möglich ist.
Als er einmal einen Schädel mit trockenen Bohnen füllte, ihn ins Wasser legte bis die Bohnen aufquollen, wurde der Schädel exakt
entlang dieser Nähte in seine einzelnen Knochenanteile gesprengt. Für Sutherland war dadurch klar, daß von einer Verknöcherung nicht
die Rede sein kann. Gemäß dem Grundsatz der Osteopathie, daß jede Struktur auch eine Funktion hat, müßten die Schädelnähte
(Suturen) demnach ebenfalls einen physiologischen Sinn haben.
Mit diesem Focus stellte Sutherland dann auch bei seinen Patienten eine entsprechende zyklische Mobilität fest, eine Art
Atembewegung, bei der der Schädel sich abwechselnd ausdehnte und wieder zusammenzog. Daraufhin konstruierte er für einen
Selbstversuch eine Art Helm, mit dem er über verschiedene Schraubzwingen Druck auf die einzelnen Schädelknochen ausüben und
dadurch ihre Beweglichkeit einschränken konnte. Bald darauf traten auch schon die ersten Symptome auf, die von
Wirbelsäulenbeschwerden über Kopfschmerzen und Schwindel bis hin zu Konzentrationsschwäche, Depressionen und
Wesensveränderungen reichten. Schließlich ging es soweit, daß seine Frau ihn dazu drängen mußte, die Versuche abzubrechen. Wohl
wissend, daß die Fachwelt seine Erkenntnisse bestenfalls belächeln würde, publizierte er seine ersten Schriften über die craniale
Osteopathie noch unter dem Pseudonym "Stumpfer Knochenbill". Es sollte noch etwas dauern, bis weitere Forschungen und
modernere Untersuchungsmethoden Sutherlands Thesen bekräftigen konnten.
Dies geschah in den siebziger Jahren unter Federführung des amerikanischen Ostheopathen und Doktors für Naturwissenschaften
John E. Upledger. Auch er machte eigene Beobachtungen, die ihn auf die Fährte Sutherlands führten. So assistierte er einmal bei einer
Operation, bei der es darum ging, eine Kalkablagerung von der Rückenmarkshaut abzuschaben. Upledgers Aufgabe war es, die
freigelegte Membran mit Klemmen festzuhalten, damit der Operateur die Abschabung vollziehen konnte. Upledger konnte es kaum
bewerkstelligen, die Dura völlig ruhig zu halten. Ihn ihr wirkte eine Kraft, die sie in einem sanftem aber bestimmten Rhythmus in dem
Wirbelkanal auf und ab gleiten ließ. Von da an galt es für Upledger, Zusammenhänge und Funktion dieser Erscheinung zu ergründen.
Als Motor machte er bald die Cerebrospinalflüssigkeit und deren Druckschwankungen aus. Die Auswirkungen dieses "Atem des
Lebens" wurden im gesamten Körper studiert und es wurde klar, daß eine freie Pulsation eine grundlegende Voraussetzung für die
allermeisten Funktionen des Organismus darstellt, sei es für Bewegungsapparat, Nervensystem, Vegetativum, Hormonhaushalt,
Organe, Kreislauf von Blut und Lymphe, Atemtrakt aber auch für Denkfähigkeit,Verhalten und Persönlichkeitsstruktur. Desweiteren
entdeckte Upledger mannigfaltige Methoden, diese Pulsationsbewegungen über manuelle Stimuli zu modifizieren und dadurch Einfluß
zu nehmen auf Physiologie und Funktionsweisen des Organismus: die Craniosacrale Therapie war geboren!
Seit den achziger Jahren findet die Craniosacrale Therapie auch in Deutschland immer größere Verbreitung und es hat sich bereits eine
große Anzahl von Therapie- und Ausbildungsstätten herausgebildet. Tatsächlich bietet diese Methode Raum genug für diverse
unterschiedliche Strömungen, sei es mit strukturell-mechanischem, psycho-emotionalem oder meditativ-spirituellem Charakter.
Upledger selbst spricht gerne von einer "therapeutischen Vision", die "den Menschen als integriertes Ganzes" versteht.
Die Vorgehensweisen
Cranio gibt nur so viel Input, wie der Körper auch wirklich auf- uns vor allem annehmen kann. Zu leicht provoziert man in manuellen
Techniken Gegenreaktionen und Abwehrhaltungen in Gewebe und Physiologie des Behandelten, sei es durch zu viel Druck oder
Manipulationen, die der Organismus nicht halten kann, will und somit auch nicht sollte. Nachgiebigkeiten in den Strukturen, Reaktionen
in Atmung, Vegetativum und Nervensystem, aber natürlich auch mündliche Rückmeldungen geben dem Behandler stets Aufschluß
darüber, ob sein Tun tatsächlich ankommt, eine Resonanz findet und integriert wird. Es kommt weniger darauf an, was an dem
Behandelten getan wird, sondern ob und wie er es für sich umsetzen kann.
Was es heißt, eine Struktur durch Cranio zu lösen, möchte ich hier illustrieren anhand der Arbeit am Zungenbein (Os Hyoideum). Das
Zungenbein ist ein kleiner, hufeisenförmiger Knochen, der sich direkt über dem Kehlkopf vor der Halswirbelsäule befindet. Es dient als
Ansatzstelle für viele winzige Muskeln und hat dadurch enge Verbindungen zum Kehlkopf, zum Mund- und Zungenboden, zum Schädel,
zum Brustkorb und sogar (über eine raffiniert gelegte Muskelschlinge) zum Schulterblatt. Funktionell hat es also zu tun mit der Atmung,
Artikulation, Intonation und HWS-Statik. Das Zungenbein besitzt keine Verbindung zu anderen Knochen, es schwebt frei in der
ventralen tiefen Halsmuskulatur und ist deshalb durch Fehlzüge leicht aus der Balance zu bringen.
Um es wieder auszujustieren kann ich wie folgt vorgehen: Ich lege eine Hand unter den oberen Nacken des liegenden Klienten und
fasse mit Daumen und Zeigefinger der anderen Hand seitlich an das Zungenbein. Ich orientiere mich an einer Links-Rechts-
Beweglichkeit und schaue nach, zu welcher Seite es leichter tendiert. Eben zu dieser Seite bringe ich es nun vermehrt. Dabei drücke es
nicht einach dahin, eher lade ich es ein, diesen Weg einzuschlagen, gebe ihm die Idee, von selbst zu gehen. Kommen wir (das
Zungenbein und ich) zum Bewegungsende, halte ich es in dieser Position. Nach einer gewissen Zeit wird das Gewebe mehr nachgeben
und wir werden noch ein bißchen weiter gelangen bis wir tatsächlich zum Ende kommen. Von hier aus kehren wir sachte um und
verfahren entsprechend mit der anderen (der unfreieren) Seite. Nachdem beide Seiten gelöst sind, gebe ich von der Mittelposition aus
einen Zugimpuls nach vorne (von der HWS weg) und halte diese Stellung. Das Lösen der Strukturen spüre ich zum einen als ein nach-
vorne-Schwimmen des Zungenbeins und/oder als ein Absenken der HWS (des Nackens) in meine untere Hand. Voilà.
In seinem Institut in Palm Beach Gardens, Florida, hat Upledger mittlerweile viele ausgefeilte Konzepte entwickelt, um diese Arbeit
wirkungsvoller zu machen. Einige davon möchte ich hier einfach mal genannt haben:
•
die Pulsdiagnose: Amplitude, Frequenz, Symmetrie und Vitalkraft des Cranio-Pulses an verschiedenen Stellen des Körpers
•
weitere Diagnosetechniken: Fasziengleiten, Temperaturdiagnose oder "Arcing", dem Orten von sog. Energiezysten über deren
Aussendung von konzentrischen Energiewellen
•
das "Unwinding": das Entwirren gewebsinterner Spannungsmuster zur Relaxation oder zum Abrufen von im Zellgedächtnis
abgespeicherter Informationen
•
der "Stillpunkt": das Anhalten des Cranio-Pulses für eine gewisse Zeit, was einer Regeneration und Erfrischung des Rhythmuses
dient
•
die "V-Spreiz-Technik": eine manuelle, zielgerichtete Energiebestrahlung meist auf hartnäckige Restriktionen
•
das "SomatoEmotional Release", bei dem ungelö;ste emotionale Inhalte aufgearbeitet werden können
•
das therapeutische Gespräch, die Arbeit mit inneren Bildern, Visualisierung
•
Elemente aus anderen Methoden, wie z.B. dem Nerolinguistische Programmieren (NLP), der Trauma-Arbeit nach Peter Levine
("Somatic Experiencing") oder der Lichtarbeit nach Barbara Brennan
Der Craniosacrale Ansatz versteht sich dabei stets als system- und resourcenorientiert. Nicht das einzelne Symptom steht im
Vordergrund, sondern der Mensch und seine Selbstorganisation. Nicht nach der Krankheit wird gefragt, sondern nach der Gesundheit
und wie sie sich mehr Raum verschaffen kann. Cranio zeichnet sich aus durch eine überaus feine, sensible Vorgehensweise, die den
Klienten stets in einem sicheren, liebevoll respektierenden Rahmen hält. Überhaupt nur so kann die Intimität und Vertrautheit
entstehen, in der geschehen darf, was geschehen will. Die Stille einer entspannten Geborgenheit bietet das größte Heilungspotential,
da die verschiedenen Anteile des Systems Mensch hier keine Kämpfe ausfechten, sondern Freundschaften schließen und somit zu
einer Ganzheit verschmelzen können.
Dieser Ansatz ist besonders wichtig in einer Zeit, in der die verschiedensten Fachrichtungen ihren jeweiligen Focus postulieren und
lediglich Teilbereiche für sich heranzoomen. Der Mensch aber ist nicht ausschnittsweise zu erfassen. Er verdient eine
Betrachtungsweise, die ihn in seiner Totalen wahr- und auch annimmt. Die Craniosacralarbeit versucht, ihn in der Einzigartigkeit seines
Wesen, seiner momentanen Lebenssituation und seines persönlichen Eingebundenseins in unsere Existenz gerecht zu werden.
Dadurch entbirt diese Methode auch in vielerlei Hinsicht den Dogmen einer Wissenschaftlichkeit, da hier z.B. keineswegs die
Wirkungsweisen bei jeder Person zu jeder Zeit an jedem Ort unter den selben Bedingungen gleich ablaufen und somit vorhersagbar
sind. Aber nur so kann ich als Behandler offen sein für die Geschichte, die ein Symptom erzählen will. Führt die Arbeit an der
Schädelbasis zu einer tranceähnlichen Tiefenentspannung oder meldet sich das Symptom ungeniert erst recht zu Wort bis es endlich
wirklich erhört und verstanden wird? Rühren die Schwindelattacken meiner Klientin von einem alten Schleudertrauma oder von einer
Erfahrung von Gewalt und Bedrohung? Schau mer mal ...
Das 12-Schritte-Programm
Im Folgenden möchte ich gerne den Ablauf einer Basissitzung skizzieren, welche gerne zur Diagnosestellung verwendet wird, da sie
einem guten Gesamtüberblick über den Körper und das Craniosacrale System vermitteln kann. Gleichzeitig ist diese aus zwölf
Einzelschritte bestehende Sitzung natürlich auch schon eine Behandlung für sich: Viele Strukturen des Organismus wie Nerven,
Gefäße, Faszien und Knochen sind longitudinal ausgerichtet. Querverbindungen wie z.B. das Zwerchfell können diese Strukturen
gegebenenfalls einengen und in ihrer Funktion schwächen. Das "12-Schritte-Programm" löst Restriktionen in diesen Transversal-
verbindungen. Vor allem auch der Craniosacrale Rhythmus kann so freier geschehen.
Der Klient hat es sich hierfür auf der Behandlungsbank bequem gemacht. Er liegt auf dem Rücken und kann dabei bekleidet bleiben.
Zuerst setze ich mich an das Fußende der Bank und nehme die Fersen des Klienten in meine Hände. Ich erspüre so den Cranio-
Puls und setze einen Stillpunkt (s.o.)
1.
Über das Unwinding löse ich die drei großen Diaphragmen des Körpers. Dabei schiebe ich an den entprechenden Stellen eine
Hand unter den Körper des Klienten, die Andere lege ich vorne darüber. Ich arbeite also am Beckenboden,
2.
am Zwerchfell
3.
und am Thorakalen Einlaß.
4.
Ich löse das Zungenbein (wie oben beschrieben).
5.
Ich sitze nun am Kopfende der Bank und bringe meine Hände unter das Hinterhaupt des Klienten. Hier lausche ich wieder dem
Cranio-Puls und setze einen Stillpunkt.
6.
Ich lasse meine Fingerspitzen langsam in das Gewebe unterhalb des Hinterhaupsbeines sinken (bzw. da ich von unten arbeite,
lasse ich die Schwerkraft diese Arbeit tun) und bringe mich dadurch zwischen Schädelknochen und zweiten Halswirbel. So kann
ich den ersten Halswirbel entlasten (Atlas-Occiput-Release).
7.
Mit differenzierten Techniken vergewissere ich mich nun, daß die einzelnen Schädelknochen frei im Craniosacralen Rhythmus
mitschwingen können und arbeite also an Stirnbein,
8.
den beiden Scheitel-
9.
und Schläfenbeinen.
10.
Ich löse an der Schädelbasis die Verbindung zwischen Keil- und Hinterhauptsbein (Sphenobasilar-Gelenk). Dies ist der zentralste
Ort des Craniosacralen System, dessen Pulsationbewegungen von hier aus initiiert werden.
11.
Über die "Ohr-Zieh-Technik" löse ich die Membran zwischen Groß- und Kleinhirn (Tendorium Cerebelli).
12.
Ich arbeite am Kiefer(gelenk)
Erneut lausche ich dem Cranio-Puls an den Füßen und gewahre etwaige Veränderungen.
Wie ich bereits sagte handelt es hier lediglich um eine Skizze, die im normalen Praxisgeschehen und von unterschiedlichen Behandlern
sehr modifiziert werden kann. Tatsächlich habe ich für eine Cranio-Sitzung kein Konzept im eigentlichen Sinne. In einer offenen,
unvoreingenommenen und urteilsfreien Grundhaltung überlasse ich es dem momentanen Geschehen, wohin sich meine Hände
bewegen wollen. Nocheinmal: der Klient bringt jeglichen Lösungsansatz schon mit sich. Ich muß nur noch hinhören und kann darauf
vertrauen, daß sich das aufzeigen wird, was für den Lösungsprozess angebracht ist. Fragen nach dem "Warum" und "Woher" sind
zweitrangig. Cranio arbeitet nicht analytisch sezierend, sondern tolerierend intergrativ.
Heilen mit Craniosacraler Körpertherapie ?
"Sie haben mich geheilt!" meinte kürzlich eine Klientin, als sie nach der zweiten Sitzung ihren langgehegten Schulterschmerz
losgeworden war. Natürlich war sie ebenso beeindruckt wie ich geschmeichelt. Doch was hier als Heilung bezeichnet wird, ist
ersteinmal nur eine eintretende Beschwerdefreiheit. Ein Symptom ist zu allermeist ein Ausdruck einer Lebensgeschichte und verdiehnt
entsprechenden Respekt als Persönlichkeitsmerkmal. Kein Aspekt des Menschen, auch kein Schmerzzustand, kann einfach
wegtherapiert und als unwert ausgeschlossen werden. Man kann daran arbeiten, ihn zu ändern, aber ihn einfach mit ein paar
Behandlungen rauszuputzen ist zu kurz gegriffen. Durch achtungsvolle Annahme jedoch kann er transformiert und die darin gebundene
Energie dem Organismus wieder als konstruktives Potential zu Verfügung gestellt werden. Tatsächlich meldete sich die Schulter der
Klientin nach einiger Zeit wieder, wenn auch viel dezenter, weit weniger aggressiv. Die Gechichte war noch nicht zu Ende erzählt und
hing mit den aktuellen Lebensumständen (Tod der Mutter nach langer Pflege) zusammen. Ihr ist klar geworden, daß sie sich in
gewissen Dingen umorientierten und mehr bei sich bleiben muß. Solange sie dies nicht angeht, wird sich wohl die Schmerzorganisation
in der Schulter erhalten müssen.
Heilung ist immer etwas Vorläufiges. Gesundheit ist kein Zustand, der erreicht und als Status Quo erhalten werden muß. Dies würde
Stagnation bedeuten. Gesundheit aber ist ein aktiver, kreativer Prozess, der sich ständig vollziehen und neu ausrichten will. Heil sein
heißt, die Prozesse des Lebens anzunehmen und in das Dasein einzubeziehen. Dazu braucht es Sensibilität, Bewußtheit, Interesse oder
gar Faszination, auf jeden Fall aber Liebe zum eigenen Körper, zu sich selbst. Oft sind Beschwerden der Auslöser, sich eben auf diese
Weise mit sich selbst auseinanderzusetzen, sich selbst zu entdecken.
Für Svenja, einer jungen Frau, die mich wegen "berufsbedingter" Schulter-Nacken-Verspannungen und damit verbundenen
Kopfschmerzen aufsuchte, wurde die Behandlungsserie zu einer kleinen Reise: "Am Angenehmsten war für mich die Behandlung der
Halswirbelsäule. Ich fühlte mich danach so frei, als ob die Wirbel nun weiter auseinander wären und viel mehr Platz hätten. Meine
Kopfschmerzen waren nach dieser Behandlung verschwunden. Am meisten hat mich allerdings beeindruckt, daß ich meinen Körper
ganz neu kennen gelernt habe. So fühlte ich die Eigenbewegungen meines Beckens, der Wirbelsäule usw. Obwohl es nur ganz feine
Berührungen waren (so ähnlich wie "Handauflegen" - was mich anfangs skeptisch machte), konnte ich die Vorgänge, die sich in
meinem Körper abspielten, deutlich wahrnehmen. Ich vereinbarte die Termine immer nach der Arbeit, so konnte ich mich hinterher zu
Hause ausruhen und mein Körper hatte noch etwas Zeit für sich." Svenja hatte begriffen, daß "Wohlfühlen" mehr ist als bloße
Schmerzfreiheit und war vertrauensvoll genug, sich den Mysterien des Körpers zu öffnen. Dadurch konnte sie ihren Zustand so
stabilisieren, daß auch in einer Phase vermehrter beruflicher Spannungen ihre Symptome weitestgehend ausblieben. Eine andere
Klientin sagte mir neulich, sie habe sich nach der Cranio-Sitzung sehr leicht und zufrieden, geradezu beschwingt gefühlt. Diese
Empfindung nahm sie als Motivation und Bestätigung auf ihrem derzeitigen Weg in die berufliche Selbständigkeit. Auch hier wich das
Focusieren auf das Symptom (Kieferproblematik) einem komplexeren Blick auf die allgemeine Lebenssituation.
Wenn wir keine Krankheit in uns spüren, halten wir uns für gesund. Wenn wir nichts spüren, meinen wir es ginge uns gut. Doch gerade
dieses Nichts-Spüren ist das eigentlich krankmachende Element. Kaum jemand kann sagen, wie sich Gesundsein anfühlt, weil kaum
jemand überhaupt danach frägt (in der Medizin schon gar nicht!). Wenn wir das Pendel aus dem Minusbereich "Krankheit" über den
Nullpunkt "Gesundheit" hinaus in den Plusbereich schwingen lassen, was erwartet uns da? Ich denke, dies zu erkunden ist unsere
wahre Verantwortung in dieser Welt. Das Erkennen und Annehmen unserer eigenen inneren Welt, unseres Körpers, unserer
Empfindungen, unseres Bewußtseins wird immer der Hauptansatz hierfür sein. Dies zu vermitteln halte ich für das eigentliche Potential
der Craniosacralen Körpertherapie.
Tatsächlich denke ich in meiner Arbeit immer weniger in den Kategorien "krank / gesund". Was heißt das schon? Mich interessiert, wie
ein Mensch zu sich selbst steht, ob er bei sich ist. Ich erinnere mich an Sebastian, einen Klienten in meinem Alter, der schon sein
ganzes Leben mit einer Spastik im Rollstuhl sitzt. Seine Bewegungen sind unkoordiniert, sein Sprechen sehr mühsam und ohne
Begleitung kann er nicht unterwegs sein. Bei seiner Geburt war die Nabelschnur um seinen Hals gewickelt und störte die Sauerstoff-
zufuhr zum Gehirn. Meine Nabelschnur hatte ich seinerzeit zweimal um den Hals geschlungen, so schien es mir lediglich als Laune der
Existenz, daß ich nun an der Behandlungsbank arbeiten durfte und nicht selbst auf ihr zu liegen hatte. Sebastian war ein aufgeweckter,
intelligenter Kerl und nahm meine Behandlungen dankbar an, da sie ihm halfen, seine Spastik zu reduzieren. Damit war er vollauf
zufrieden. Ich hatte nie das Gefühl, mit einem kranken Menschen zu arbeiten.
Dem Leben lauschen - Eigenübung zum Erspüren des Craniosacralen Pulses
•
Leg dich auf den Rücken.
•
Mach es dir bequem.
•
Deine Hände legst du auf dein Becken, so daß die Handwurzel auf dem Darmbeinstachel liegt und die Finger entlang der Leiste
zum Liegen kommen.
•
Die Hände sind entspannt, die Finger leicht geöffnet.
•
Tu nichts.
•
Nimm dir Zeit, ruhig und entspannt zu werden.
•
Öffne deine Wahrnehmung für jegliche Empfindungen in deinem Körper.
•
Wo spürst du den Kontakt zur Unterlage? Wie atmest du? Gibt es Stellen von Anspannung im Körper?
•
Beobachte nur, korrigiere nichts.
•
Bring dein Bewußtsein in deine Hände.
•
Die Hände werden weich und passen sich den Konturen des Beckens an, verschmelzen mit ihm.
•
Was nehmen die Hände an Bewegungen wahr? Atmung? Herzschlag? Verdauung?
•
Gibt es auch Empfindungen, die du vielleicht nicht einordnen kannst? Vibrieren, Pochen, Schaukeln, Wärme, Gedanken, innere
Bilder o.ä.
•
Richte nun deine Wahrnehmung auf den Craniosacralen Puls.
•
In diesem Rhythmus weitet sich der gesamte Beckenraum, wird breiter und voller und zieht sich dann wieder zusammen. Dies
geschieht 6-12 mal in der Minute.
•
Laß dir Zeit.
•
Wenn du diesen Puls gefunden haben, laß dich tragen von ihm, genieße!
•
Setz dir einen Stillpunk: Wenn das Becken sich wieder zusammengezogen hat, gib leichten Druck auf deine Beckenknochen als
ob du sie gegeneinander drücken wolltest. Wenn sich der Puls erneut ausweiten will, halte dagegen. Bald wird der Puls eine Zeit
lang aussetzen
•
Genieße diese Stille, bis der Puls wieder von selbst einsetzt.
•
Spüre den Puls. Hat er sich verändert?
•
Löse langsam dir Hände von deinem Becken und leg sie neben deinem Körper.
•
Spüre in deinen Körper.
•
Steh langsam auf. Spüre in deinen Körper.
•
Geh ein paar Schritte. Wie spürst du dich? Wie fühlst du dich?
© Prakash Frank Sanzenbacher 2004
erschienen als "Der sanfte Puls des Lebens" in der Zeitschrift
RAUM & ZEIT - Die neue Dimension der Wissenschaft
Nr. 133, Januar/Februar 2005 - Ehlers Verlag, Wolfratshausen
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