HAVE A BREAK, HAVE A ZAZEN  Ein Kurzretreat im japanischen Koppôji-Tempel  von Prakash Frank Sanzenbacher Das Leben ist ein Mysterium. Und es ist reich an Geschenken. Oder wie ist es sonst dazu gekommen, daß ich plötzlich hier sitze? In  einem abgelegenen, fast vergessenen Zen-Tempel im tiefsten japanischen Hinterland, wo sich Bär und Schlange gute Nacht sagen. An  einem Ort, an dem sich wohl seit Jahrhunderten nichts Wesentliches verändert hat, außer daß es heute immerhin eine Straße hier rauf  gibt. Fast schon unwirklich erscheint mir diese Szenerie, wenn ich nun mit meiner Frau und einer handvoll Mönchen in aller  Herrgottsfrühe so auf einem Kissen sitze, den losen Blick auf die leicht geöffneten Papierwände des Meditationsraumes gerichtet, just  zu der Stunde, in der die Nacht langsam dem Tage weicht. Draußen schreien die Zikaden als ob es um ihr Leben ginge und drinnen  summt irgendetwas Großes im Kreis herum. Nur wir sitzen still und atmen in der frischen Morgenbrise. So entrückt es mir auch  vorkommen mag, so geborgen und vertraut fühle ich mich jetzt. Mit einem Male wird das Alles für mich völlig selbstverständlich. Das  Stillen einer lang gehegten Sehnsucht? Oder Erinnerungen an ein früheres Leben? Die Tränen treten mir in die Augen, so übervoll ist  mein Herz. Aber halt! - Wollte ich nicht meditieren?   "Es geht nicht darum, die Gedanken zum Stillstand zu bringen", sagte mir der Vorsteher des Kippôji-Tempels in unserem  Eingangsgespräch, "wenn dein Verstand einmal keine Gedanken mehr produziert ist das keine Meditation, sondern ein Fall für die  Klinik. Natürlicherweise kommen Gedanken. Aber im Zazen fangen wir nichts mir ihnen an. Wir hängen ihnen nicht nach, führen sie  nicht weiter aus oder benutzen sie zur Klärung einer Fragestellung. Wir messen ihnen so wenig Bedeutung bei, daß wir sie nicht einmal  zu vermeiden versuchen oder wegdrängen wollen. Sie verziehen sich dann eh von selbst ..." Es bereitete ihm offensichtlich Vergnügen, einen Westler einzuweisen. Allgemein war hier wohl ein Besuch von Außenstehenden nicht  gerade an der Tagesordnung. Für meine Frau Rasata, die selbst Japanerin ist, war es gar nicht einfach gewesen, diesen Tempel  überhaupt ausfindig zu machen. Bei ihrem ersten telefonischen Kontakt mit einem der Mönche hatte sich dieser mit unserer Anfrage  nach einem Zazen-Retreat fast ein wenig überfordert gezeigt. Schließlich aber hatte man uns zwei Übernachtungen gewährt. Etwas  wenig Zeit für all die vielen Eindrücke, genug Zeit aber, diesem magischen Ort mit seinen gastfreundlichen Bewohnern zu verfallen.  Schnell wurden Rasata und ich in die Abläufe des Tempelalltags integriert. Gemeinsam mit den Mönchen saßen wir in Stille (Zazen),  rezitierten Sutren (Chanten), und vollführten die Rituale dieser in der fast unberührten, wild wuchernden Natur versteckten heiligen  Stätte.   Der Kippôji ist kein eigenständiger Tempel. Er unterliegt dem mächtigen Eiheiji-Tempel, einem der beiden Haupttempel des Sôtô-Zen,  renomierte Ausbildungsstätte für die Mönchselite und als imposantes Bauwerk eine riesige Touristenattraktion. Daneben steht der  kleine Waldtempel Kippôji buchstäblich im Schatten. Und das, obwohl er über eine geschichtsträchtige Vergangenheit verfügt ...  Der Gründer des Kippôji war kein geringerer als Dôgen Zenji selbst, der Vater der Sôtô-Schule, der neben der Rinzai-Schule größten  Strömung im Buddhismus des heutigen Japan. Dôgen (1200-1253) studierte in China den Zen-Buddhismus (chin.: chan) und soll dort  auch die Erleuchtung erlangt haben. Nach seiner Rückkehr nach Japan gründete er zwar bei Kyôto eine Mönchshalle (sôdô), also einen  Ort, an dem Mönche zusammen meditierten, aßen und schliefen - um einen wirklichen Tempel durfte es sich dabei allerdings nicht  gehandelt haben. Erst als ein ihm ergebener Samurai Dôgen Ländereien in der Präfektur Echizen nahe dem heutigen Fukui überließ,  entschloß er sich, darauf einen Tempel zu errichten: den Eiheiji-Tempel. Da dies von vornherein als ein großes, ehrgeiziges und somit  auch zeitaufwendiges Unterfangen konzipiert war, baute Dôgen für sich und seine Mönche in den umliegenden Bergwäldern ein  vorläufiges Quartier: den Kippôji-Tempel (oder Yoshiminedera, wie die Schriftzeichen ebenfalls ausgesprochen werden können). Somit  ist der Kippôji der erste von Dôgen errichtete Tempel. Nach der Fertigstellung des Eiheiji wurde natürlich dahin übergewechselt. Der Kippôji stand daraufhin lange Zeit leer und verkam fast  schon zu einem Geistertempel. Erst im letzten Jahrhundert erinnerte man sich wieder an ihn als originären Tempel Dôgens und als  Heimstätte des Sôtô-Zen. Er wurde wieder hergerichtet und betrieben von den Mönchen des Eiheiji-Tempels. Noch heute ist hinter dem  Kippôji ein runder Stein zu sehen, auf dem einst, auf etwas Stroh gebettet, Dôgen saß und in der freien Natur zu meditieren pflegte.  Kommt daher der Brauch, Zazen auf einem runden Sitzkissen (zafu) auszuüben?   Die Sôtô-Schule praktiziert das sog. shikantaza, was soviel heißt wie "einfach nur Dasitzen". Diese Form des Zazen unterscheidet sich  von anderen buddhistischen Sitztechniken dadurch, daß der Geist dabei leer bleibt, die Aufmerksamkeit auf nichts gerichtet ist. Es wird  also weder mit Atmung gearbeitet, noch mit Visualisierungen oder Reflexionen über die Sutren o.ä.. Vor allem aber wird Abstand  genommen von den in der Rinzai-Schule so verbreiteten koans, Fragestellungen oder Rätsel, die mit dem logischen Verstand nicht zu  lösen sind und deren Antworten intuitiv erfasst oder empfunden werden sollen. Der Schüler meditiert so lange über das koan bis sein  Meister mit der Antwort zufrieden ist. Oft kommt dies dann einer Erleuchtung gleich. Im Sôtô-Zen gibt es kein Ringen um Erleuchtung, kein Bemühen, sie zu erlangen. Laut Dôgen haben wir alle schon von Geburt an die  Buddhanatur. Es ist nicht nötig, sie irgendwo zu suchen oder sie sich verdienen zu wollen. Allein durch das stille Sitzen können wir  unsere Buddhanatur erfahren. Zazen auszuüben heißt erleuchtet zu sein, beides ist nicht voneinander zu trennen. Dôgen sagte dazu:  "Wenn du sitzst, bist du Buddha."   "Jeder kann Zazen praktizieren", sagte uns der Tempelvorsteher, "du brauchst ja nur dazusitzen. Etwas anderes ist gar nicht nötig. Nur  aufrechtes, aufrichtiges Sitzen. Dann ist deine Wirbelsäule über das Becken mit der Erde und über den Kopf mit dem Himmel  verbunden. So kann sich der Drache in deinem Innern um sie herumschlängeln. Du hockst nicht da wie eine dösende Katze in der  Sonne, du sitzst mit der geschmeidigen Kraft des Drachen." - Klingt doch klasse! Und tatsächlich kam ich mit dem Zazen ganz gut  zurecht. Mir gefiel dabei auch das liebevolle massieren des Kissens vor und nach dem Sitzen. Ebenfalls die Gartenarbeit, den  abentlichen Kontrollgang und das Schlagen der Glocken und Trommeln machte ich gerne mit. Etwas mehr Schwierigkeiten bereitete mir  das geradezu absurd anmutende Zerimoniell des Essen, v.a. beim Frühstück. Die Handhabung des Essgeschirrs ist durch einem  festgelegten Ablauf genaustens vorgeschrieben - wie die Schalen zu stehen haben, wann die abgelegten Stäbchen und Löffel in welche  Richtung zu weisen haben, wie das Essen gefaßt und das Geschirr gesäubert und wieder zu einem Päckchen geschnürt wird, wann man  sich zu verneigen hat (gasshô), usw. etc. pp ... Doch gerade hier beeindruckte mich die Engelsgeduld der Mönche, die unermütlich  erklärten, vormachten und korrigierten, ohne den geringsten Leistungsdruck aufkommen zu lassen. Mit einer entspannten  Selbstverständlichkeit erlaubte man es uns, im Rahmen unserer Möglichkeiten unsere Erfahrungen zu machen. "Irgendwann wird es  egal, was du gerade tust", eröffnete uns einmal einer der Mönche, "zazen, chanten, essen, kochen, putzen - angenehmes oder  unangenehmes - alles geschieht aus dem einen Zen-Geist heraus. Die eigentliche Handlung ist nur eine Äußerlichkeit, eine der vielen  Ausdrucksweisen des einen Zen-Geistes." Vor unserer Abreise saßen wir alle nocheinmal in einer lockeren (nicht ritualisierten!) Runde bei Tee und Keksen zusammen und  plauderten über alles Mögliche. Manche Mönchen wurden recht reedselig und erzählten z.B. von der Aversion gegen das  Priestergewerbe in Kindheitstagen, von dem Traum, in Belgien das Konditorhandwerk zu erlernen oder von der faszinierenden  Vorstellung, nachmittags unter Kastanien zu sitzen und Bier aus einem 1-Liter-Glas zu trinken. Ein Anderer blieb schweigsam; Rasata  sagte mir hinterher, er habe ihr verraten, daß er einen solchen geselligen Umgang mit Leuten nicht gewohnt sei. Er verbrächte die  meiste Zeit im strengeren Eiheiji-Tempel, wo es zu so etwas wenig Gelegenheit gäbe. Es war schön, auch die persönlichere,  menschliche Seite dieser Männer gezeigt zu bekommen und zu sehen, daß auch hierbei das gegenseitige Achten, Respektieren und  Wohlwollen Grundlage des Zusammenseins blieb. Es wurde uns viel gezeigt und gelehrt während unseres kurzen Aufenthalts. Die wichtigste Botschaft jedoch fand ich jenseits der Worte,  Erklärungen und Riten. Es war die ehrliche Geradlinigkeit der Mönche - die warme, offenherzige Atmosphäre, die hier im Tempel  herrschte. Alles geschah so konsequent und nachdrücklich, ohne dabei ernst oder programmatisch zu wirken. "Also, praktiziere viel  Zazen!" rief mir noch ein Mönch nach als wir schließlich aufbrachen und heute verstehe ich seine Worte als: "Übe nicht - sei  erleuchtet!" - Ja, warum eigentlich nicht? Ich wünsche mir mehr von diesem Zen-Geist in unserer Welt (v.a. auch außerhalb von  Tempelmauern) und ich bin unendlich dankbar, ihn einmal in solch reiner Art geatmet zu haben. Noch trage ich ihn in mir ...   Ein Tag im Tempel 4.00 - Wecken  4.20 - Zazen im zendô  5.20 - Chanten im hondô  5.50 - Morgenbegrüßung 6.00 - Frühstückszerimoniell  7.00 - Hausarbeit  7.30 - Teepause 8.00 - Chanten  8.30 - Gartenarbeit  9.30 - Pause  10.00 - Zazen  11.00 - Chanten  11.30 - Mittagessen 12.00 - Pause  13.00 - Gartenarbeit  15.00 - Zazen  16.30 - Chanten  17.30 - Abendessen 18.00 - Bad nehmen  19.00 - Unterredung mit dem Vorsteher 20.00 - Zazen  21.00 - Kontrollgang durch den Tempel  Nachtruhe  "Wenn ich hier von Zazen spreche, gebe ich euch keine Anleitung zu einer Meditationtechnik. Zazen ist schlichtweg das Dharmator  zufriedener Gelassenheit, das ausgeübte Erweisen der allerhöchsten Erleuchtung. [...] Wenn ihr dies begriffen habt, seid ihr wie ein  Drache, der ins Wasser eintaucht, wie ein Tiger, der die Berge durchstreift. Denn wisset - der wahre Dharma verwirklicht sich von selbst  und sogleich werden Trübsicht und Zerstreutheit abfallen von euch."   Dôgen Zenji zu den Mönchen des Kippôji-Tempels am 11.11.1243   © Prakash Frank Sanzenbacher 2008 erschienen als "Wenn du sitzt, bist du Buddha" in der Zeitschrift  CONNECTION SPIRIT - Das Magazin fürs Wesentliche  Nr. 11-08, November 2008 - Verlag Connection Medien GmbH, Niedertaufkirchen nach oben     Artikelliste     Startseite     Impressum