LATIHAN - aktives Geschehenlassen
eine Bewegungsmeditation
von Prakash Frank Sanzenbacher
"The stilled mind frees an ecstatic body."
Bradford Keeney
Was will der Leib? - Die Mysterien unseres Körpers zu ergründen wird wohl nie gänzlich gelingen. Wer sich aber daran macht, seine
Schätze nach und nach zu heben, darf sich auf eine aufregende Reise begeben voll Faszination, Verblüffung, Inspiration und
Leidenschaft. Eine große Hilfe hierbei sind die Praktiken vieler religiöser und spiritueller Traditionen, die erkannt haben, dass wir
gerade durch den Körper auch unsere Transzendenz und kosmische Natur erfahren können. Denn nur was körpersinnlich erfahrbar ist,
kann wahrgenommen werden, wird nicht nur verständlich sondern auch wirklich begreiffbar. Vipassana, Yoga, Tao, Tantra, die
Kampfkünste und andere Bewegungsschulen - die Vielzahl der Übungswege spiegelt das reichhaltige Potential und die
unterschiedlichen Zugänge unseres Körpers wieder. Diesen Pfaden konsequent zu folgen ist allerdings nicht immer leicht. Je weiter wir
vordringen, desto komlpexer werden die Anforderungen. Körperbeherrschung, Atemkontrolle und Energielenkung können äußerst
diffizile Formen annehemen. Sicherlich macht auch hier wie so oft Übung den Meister, doch laufen wir dabei Gefahr, das meistern zu
wollen, was selbst Meister sein kann: unseren Körper. Wenn wir den aber tatsächlich ansehen als Tor zur Erfahrbarkeit des all-einen
Kosmos, wenn wir an eine dem Körper innewohnenden, natürlichen Weisheit, Intelligenz und Verbundenheit zur Schöpfung glauben,
müssen wir keine Übungsanleitungen studieren und keiner Schule beitreten. Wir können ihn selbst fragen, was er uns zu vermitteln
hat, was er uns offenbaren will. Lauschen wir doch einfach seinem evolutionären Wissen und lassen uns leiten in ein direktes Erleben
seiner und somit unser aller Ganzheit.
Du stehst mitten im Raum. Alleine, mit anderen zusammen,
das ist für dich jetzt nicht wichtig. Du schließt die Augen und
bist ganz bei dir selbst. Du lauschst der sanft fließenden Musik
einer Tambura und einer Flöte, du atmest deren Rhythmus.
Vielleicht hast du gerade getanzt oder dich locker gestretcht
und die Energie vibriert noch in deinem Körper. Jetzt stehst
du nur da, spürtst die Kühle des Bodens unter deinen nackten
Füßen, dein Geist ist klar und offen. Du bist soweit ...
Latihan (indonesisch: "Übung") ist eine Bewegungsmeditation, eine spirituelle Praktik, bei der ich als Übender Bewegung nicht
ausführe, sondern lediglich zulasse. Ich horche tief in meinen Körper hinein und achte auf seine feinen, subtilen Regungen. Ich
erspüre, begrüße und ermutige sie, gebe ihnen freien Raum um aufzusteigen und sich auszubreiten. Ich folge dem, was kommt. Ich tue
nichts, ich werde getan. Bleibe ich bereit und rezeptiv, wird mein Körper schließlich erfaßt werden von spontanen, unwillkürlichen,
meist weichen und anmutigen Bewegungsabläufen. Diese sind an und für sich weder zweckorientert noch vorhersagbar, sie führen
nirgendwo hin. Sie sind bloßer Ausdruck der universellen Lebensenergie, der Urkraft allen Seins, die mich durchdringt und der ich
mich hier nun in Dankbarkeit und Demut, voll Vertrauen und Verwunderung, mit Liebe und Lust hingebe.
Du verläßt dich darauf, daß das geschehen wird, was geschehen
will. Erwartungen, Vorstellungen und Zweifel könnten die
ersten leisen Impulse leicht überlagern und deiner Erfahrung
entziehen. Du entläßt all deine Gedanken. Dein Körper, die Musik,
die Luft um dich herum, alles schwingt im harmonischen Einklang.
Du fühlst dich ungeheuer geborgen.
Da möchte sich mit einem Mal dein rechter Ringfinger anheben.
Sachte und bestimmt zieht er den ganzen Handrücken mit, bis
schließlich der gesamte Arm wie in Zeitlupe nach oben schwebt.
Oder dein Kopf legt sich langsam in den Nacken, neigt sich nach
links und die ganze Wirbelsäule beginnt, sich hin und her zu
schlängeln. Deine Bewegungen sind stets sehr sanft und gemächlich,
und je mehr du dich dieser Sanftheit hingibst, um so deutlicher,
um so eindringlicher und intensiver erlebst du sie.
Zurückzuführen ist Latihan auf den Javaner Muhammad Subuh Sumohadiwidjojo, der später schlicht Bapak (in etwa: "ehrenwertes
Väterchen") genannt wurde. Er war kein spiritueller Sucher oder Lehrmeister, der nach Erleuchtung trachtete oder sie versprach,
sondern Angestellter einer städtischen Verwaltungsbehörde und ein gläubiger Moslem. Latihan wurde von ihm nicht entwickelt, es
wurde ihm zugetragen ("nicht von einem Menschen", wie er betonte). Es war 1924 nach einem langen, arbeitsreichen Tag, als es ihn auf
dem Nachhauseweg das erste Mal spontan und völlig unvorbereitet überkam. Anfangs in panische Todesangst verstetzt, verspürte
Bapak bald eine enorme Gelöstheit, Klarheit und inneren Frieden. Von nun an sollten sich solche Vorkommnisse über Jahre hinweg
wiederholen und ohne der eigentlichen Ursache hierfür gewahr zu werden, erkannte er darin das Wirken Gottes und die Verbindung zur
Urkraft des Universums. Schließlich machte sich Bapak daran, seine Erfahrung mit anderen Menschen zu teilen und es bildete sich die
Vereinigung SUBUD. Dieser Name ist ein Akronym dreier Begriffe aus dem Sanskrit (Susheela, Budhi und Dharma) und bedeutet so viel
wie: für das göttliche Wirken offen und bereit, diesem aus dem Innersten heraus zu folgen. SUBUD wird gerne dem Sufismus
zugerechnet, begreift sich selbst aber als transreligiös und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die universelle Kraft Gottes für den
Menschen direkt erfahrbar zu machen und somit real werden zu lassen. Das konkrete Verbinden dieser Kraft mit dem eigenen
Wesenskern wurde als latihan kejiwaan (="spirituelle Übung") bezeichnet.
Inzwischen magst du möglicherweise schon durch den ganzen
Raum wandeln oder dich am Boden reckeln. All das geschieht
wie von alleine. Vielleicht macht es dir ein wenig Angst und
du fühlst dich fremdgesteuert. Oder du kommst dir albern
vor mit deinen Verrenkungen. Oder dir geht es zu langsam
und du hältst es für nötig, dich richtig auszuagieren. Oder
es wird dir langweilig ... Du erlaubst dir, all diese Mechanismen
wahrzunehmen, über die dein Verstand verfügt um wieder Herr
der Lage zu werden. Auch wäre es eicht, einfach abzubrechen.
Aber du bleibst dabei, deine Sinne offen zu halten, zu spüren und
zu folgen. Manchmal bist du abgelenkt und verliertst den Kontakt.
Oder ein Bewegungsablauf endet einfach. Dann ist es gut, in der
momentanen Position zu verharren bis sich ganz von selbst etwas
Neues auftut. Wenn du dann wieder richtig im Fluß bist, brauchst
du dich um nichts mehr zu kümmern, kümmert dich nichts mehr,
ist alles da.
Ich lernte Latihan kennen durch den indischen Mystiker und Meditationsmeister Osho, der es zum Teil in seine eigenen Methoden
integriert aber auch zu einer stark kathartischen Form weiterentwickelt hat. Von ihm stammen eine Reihe "aktiver Meditationen", die
den Menschen über physische Betätigung schrittweise in die Stille führen wollen. Mir selbst bietet dieser körperbetonte, kinästhetische
Ansatz den leichtesten Zugang in das Gewahrsein dieses Augenblicks, in die Meditation. Wenn ich bewußt in meinem Körper bin, bin
ich hier und jetzt, präsent und sensibel, verwundbar und kosmische Urkraft. Und gerade im Latihan habe ich den Raum, die Zeit, die
Gelegenheit und irgendwie auch die Verpflichtung, mich meinem universellen Ursprung zu stellen und ihm meine Ehre zu erweisen.
Osho beschreibt es so: "Latihan ist ein Loslassen. Deine physische Energie stimmt sich ein auf die kosmische Energie und Dinge
geschehen in deinem Körper" ... "Nach dieser Erfahrung fühlst du dich völlig gelöst, keine mentale Anspannung, keine Spannungen im
Körper. Und eine große Freude steigt auf aus deinem Allerinnersten, was auch immer um dich herum los sein mag. Zum ersten Mal bist
du dein eigenes Universum."
Horch! - die Musik ist schon seit einem Weilchen verstummt.
Du liegst auf dem Boden, regungslos. Dein Körper glüht, atmet,
schwitzt leicht. Ein kühler Luftzug streicht über dich hinweg,
nein, durch dich hindurch. Würde dich jetzt jemand nach der
Uhrzeit oder deinem Namen fragen, du würdest laut lachen.
In einer unsagbar fernen Zukunft wirst du aufstehen müssen
und nach Hause gehen. Nach Hause?
Körpereigene Spontanbewegungen zur Erweiterung der Bewußtseinserfahrung haben eine lange Tradition. Zu nennen wäre hier der
Sahaj Yoga, der "natürliche, angeborene Yoga", das "spontane Qi Gong" Zifa Donggong sowie diverse schamanische oder sufistische
Praktiken. Und auch in neuerer Zeit greifen immer wieder Methodiken darauf zurück und vereinleiben sich Elemente daraus. So hat
etwa der Tantrika Daniel Odier aus dem klassischen hinduistischen Tandava, dem "Tanz des Shiva", ein schönes Meditaionsritual
geformt, in dem sich der Körper aus seinen physischen Grenzen freischlängeln darf ("make love with the space"). In ihrem Continuum
Movement betont die Tänzerin Emilie Conrad, dass der Mensch Bewegung ist und sie nicht bloß macht und bringt ihn in eine
Bewegungsmatrix, die über das reine Menschsein hinausgeht. Die "regenerierende Bewegung" im Katsugen Undo des Japaners
Haruchika Noguchi aktiviert Impulse aus dem autonomen Nervensystem, mit denen der Organismus sich selbst ausbalanciert. Die
Craniosacrale Körpertherapie bedient sich u.a. der Technik des Unwinding, bei der der Therapeut Spannungszüge im Körper des
Klienten mit seinen Händen erspürt und ihnen behutsam folgt bis etweder eine lösende Position erreicht wird oder die Spannung sich
entwirrt hat. Mit etwas Übung lassen sich diese Muster auch im eigenen Körper erspüren und man kann ihnen, sozusagen in einem
"Auto-Unwinding", durch entsprechende Bewegungen nachfolgen. Die Trauma-Arbeit nach Peter Levine, Somatic Experiencing, geht
vergleichbare Wege.
Natürlich kann auch Latihan für bestimmte Zwecke eingespannt und kanalisiert werden. Zum Beispiel kann ich gezielt meine
Nackenverspannungen damit angehen, mich auf meine schmerzende Wirbelsäule konzentrieren oder meine innere Gefühlswelt
erkunden. Vielleicht möchte ich dazu meine Mimik mehr mit einbeziehen oder meine Stimme (wie auch in der Devavani-Meditation, dem
"Latihan der Zunge") oder aus verschiedenen Ausgangsstellungen starten. Das alles mag Sinn machen. Beim eigentlichen Latihan
jedoch fehlt jeglicher therapeutische oder sinnbehaftete Ansatz, es ist frei von Vorgaben. Latihan ist reines Geschehenlassen. Es geht
um nichts weiteres als die pure Hingabe an unser Dasein, die bloße, leibliche Erfahrung unseres Eingebundenseins in den Kosmos.
Denn gerade hierin liegt unser Heilsein.
Und du erhebst dich und erkennst dich jenseits von Raum
und Zeit. "Zu Hause" ist kein Ort - es ist dieser Zustand jetzt!
Vielleicht ist es gar nicht so treffend, die Praktik des Latihan als "Übung" zu bezeichnen. Im Latihan erüben wir nichts, wir erlernen
keine Fertigkeit, studieren kein Wissen. Sobald wir mit Latihan beginnen sind wir schon am Ziel, es gibt kein falsches oder zu
korrigierendes Latihan. Jeder von uns vollführt seine ganz eigene, unverwechselbare und unnachahmliche Version. Ich mache mir
gerne folgendes Bild: Nicht wir üben, die Existenz übt mit uns, durch uns und spielt damit, wie es wäre, körperlich zu sein - mit all den
damit verbundenen Sinnen, Emfindungen und Gefühlen. Sie schlüpft in unsere Leiber und erleuchtet darin Wahrnehmung, Bewußtsein
und Sinnlichkeit. Denn dieser Reichtum ist uns Menschen vorbehalten. Wir sind die Mittler zwischen den Polen dieser Existenz,
zwischen Materie und Geist. Das macht unsere Ganzheit aus. Durch eine achtsam erlebte Körpersinnlichkeit erfahren wir die Welt nicht
nur in ihrer irdischen, sondern auch in ihrer göttlichen Dimension. Durch sie erfahren wir uns selbst, unsere Haltung in und zu unserem
Umfeld. Durch sie werden wir unserer Grenzen gewahr und unserer Verbundenheit. So wie wir in unserem Körper sind, sind wir in
dieser Welt. Seien wir es bewußt, bewegt, freudvoll und dankbar.
© Prakash Frank Sanzenbacher 2010
erschienen in der Zeitschrift
CONNECTION TANTRA-SPECIAL - Der Körper als Tempel der Seele
Nr. 87, August-Dezember 2010 - Verlag Connection Medien GmbH, Niedertaufkirchen
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